Machen wir den Journalismus besser – Ja. Aber wie?
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Das Medienmagazin "journalist" fragt "Wie machen wir den Journalismus besser?" - Foto: Journalismusblog.de
Das Medienmagazin "journalist" fragt "Wie machen wir den Journalismus besser?" - Foto: Journalismusblog.de

Machen wir den Journalismus besser – Ja. Aber wie?

Was läuft schief im Journalismus? Fragen, die das Medienmagazin „journalist“ ausgewiesenen Branchenkennern stellte. Georg Mascolo, Hannah Suppa, Florian Harms, Carline Mohr, Daniel Drepper und Georg Löwisch schildern ihren Blick auf den Journalismus 2019.

„Anders formuliert“, schreibt journalist-Chefredakteur Matthias Daniel (@matthiasdan) im Editorial, „von diesen klugen Köpfen wollten wir wissen, wie man den Journalismus besser machen kann.“ Bei den Antworten geht es aus aktuellem Anlass auch um „Selbstkritik und Fehlerkultur“.  Dabei sind vor allem die Leitmedien im Fadenkreuz der Kritik um den Fälscher Claas Relotius gemeint.

„Waren wir blind, waren wir, war ich zu begeistert von allzu perfekten Texten? Jeder muss seine Verantwortung in der Causa Relotius tragen“, schreibt Georg Mascolo. „Für Journalisten heißt das, sich wieder mehr auf Qualitätsstandards zu besinnen: Fragen stellen, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, mit den Menschen sprechen. Und einen kühlen Kopf bewahren.“

Gerade in diesen Zeiten müsse jeder Verantwortung tragen, meint der frühere Spiegel-Chefredakteur und heutige Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Vertrauen sei ein großes Wort. Und Mascolo übt Selbstkritik.

„Seit mehr als 30 Jahren bin ich nun im Beruf. Meine Arbeitgeber waren und sind das, was man Qualitätspresse nennt. Aber ich habe nicht immer Qualität abgeliefert. Manche meiner Fehler erinnere ich bis heute schmerzlich, vor allem, weil ich sie meinem Publikum verschwiegen habe.“

Erste und vornehmste Aufgabe des Journalismus sei es, so Georg Mascolo, den Bürgern dabei zu helfen, ihre Entscheidungen zu treffen. „Er ist keine vierte Macht im Staat, aber das Gegenmodell zur Filterblase.“

Georg Mascolo: „Das Fragezeichen passt besser zu unserem Beruf als das doppelte Ausrufezeichen.“

Carline Mohr arbeitet seit einem Jahr nicht mehr im Journalismus. Stattdessen seit einem Jahr in einer Agentur. Bei einem Brand Publishing House, der Louping Group. Sie twittert als @Mohrenpost. Die ausgebildete Journalistin war früher u.a. Chefin vom Dienst bei Spiegel Online. Heute habe sie gelernt, Kommunikation in langen Linien zu denken. Dabei gehe es auch um weiche Ziele. Die öffentliche Kritik am Journalismus ist für Carline Mohr unverständlich. In Zeiten wie diesen, in denen es so viele Propagandisten und Populisten gebe. Sie fragt sich, ob Journalistinnen und Journalisten einen besseren Plan brauchen, um die Demokratie zu verteidigen?

„Vielleicht brauchen Journalistinnen und Journalisten in Zeiten wie diesen sogar noch mehr als Haltung. Vielleicht brauchen sie einen Plan, ein übergeordnetes Ziel, eine Vision.“

Um die zu entwickeln, müssten ganze Redaktionen, Verlage und Medienhäuser noch intensiver über bestimmte Haltungsfragen diskutieren und sich festlegen.

Daniel Drepper (@danieldrepper) ist Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland. Drepper glaubt, dass der deutsche Journalismus sehr viel besser sein könnte, wenn er sich die richtigen Fragen stellen würde. Drepper gelingt es, mit einem kleinen Team, große Themen zu setzen. 

„Wir haben keine Agenturen abonniert. Wir gehen auf keine Pressekonferenzen. Wir machen fast keine Meinungsstücke. Und wenn jemand anderes eine Story aus unseren Schwerpunkten stark recherchiert hat und wir glauben, wir können sie nicht besser machen, dann lassen wir es bleiben.“

Bei BuzzFeed dürfen unter Daniel Drepper Reporterinnen und Reporter über ihre Arbeit schreiben und in welchen Vereinen sie Mitglied sind. 

„Wir sind uns bewusst, dass es keine Objektivität gibt. Wir haben stattdessen eine Haltung, die wir transparent machen, aber wie verwechseln diese nicht mit Meinung.“

Daniel Drepper glaubt, dass der Journalismus in Deutschland eine insgesamt sehr viel bessere Arbeit machen könnte. „Wenn wir uns alle viel häufiger fragen würden, was der Kern des Journalismus ist und wir unsere Arbeit bestmöglich in den Dienst des Publikums stellen können.“

Hannah Suppa (@hannah_suppa)leitet seit eineinhalb Jahren die Märkische Zeitung in Potsdam. Sie stellt sieben Thesen auf, wie Lokaljournalismus besser werden kann und schreibt: Nicht das Digitale sei schuld an der Erosion des Geschäftsmodells. Im Gegenteil, es serviere uns die Lösung auf dem Silbertablett. 

„Digitales Denken führt uns im Journalismus näher zum Leser zurück – und gibt uns die Chance, mit ihm noch einmal neu zu starten.“

Florian Harms macht aus dem Reichweitenriesen t-online gerade einen relevanten , ernstzunehmenden journalistischen Mitbewerber. Harms (davor Chefredakteur von Spiegel Online) bekennt sich als Fan des Deutschlandfunks und sagt:

„Man könnte Wetten darauf abschließen, wie häufig deutsche Medien mit den Schlagworten Industrie 4.0, automatisiertes Fahren, Robotik um sich werfen – und wie selten sie zugleich erklären, was genau sie eigentlich damit meinen.“

Florian Harms sagt: „Journalisten sollten intensiver nach Antworten auf das Misstrauen suchen, das viele Leser ihnen entgegenbringen. Und sie sollten mehr erklären , anstatt alles sofort zu kommentieren.“

Harms (@FAHarms) formuliert im „journalist“ Anregungen, wie eine Redaktion zum „Leuchtturm in der Informationsflut werden kann. 

Mehr Erklärformate entwickeln, Berichte und Meinungsbeiträge trennen. Leserzuschriften individuell beantworten. Fakten vermitteln, Zusammenhänge schildern und unterschiedliche Interessenslagen ausleuchten. So oft wie möglich Gegenpositionen thematisieren. Schließlich: „Mehr Deutschlandfunk hören.“

Das würde Florian Harms jenen Lesern schreiben, die sich über den „zwangsfinanzierten öffentlichen Rundfunk“ erregen. 

„Jede Redaktion sollte nachdenken über die Zeit nach Relotius“, schreibt taz-Chefredakteur Georg Löwisch (@georgloewisch) zum Thema „Wie machen wir den Journalismus besser?“ in der journalist-März-Ausgabe. Löwisch hat einen Handwerkszettel mit sechs Punkten aufgeschrieben. 

„Sorgfalt konkurriert mit Geschwindigkeit, Lesegenuss mit Glaubwürdigkeit, Eitelkeit mit Demut. Es darf nur nicht eins von beiden dauern dominieren. Manchmal muss etwas gründlich schiefgehen, damit das Verhältnis wieder in Ordnung kommt. Der Betrug des Claas Relotius ist so ein Fall.“

Der Fall tut weh. Seine Aufklärung offenbart eine ganze Palette möglichen Fehlverhaltens eines Journalisten: vom Patzer über die Schummelei bis zum ausgeklügelten Beschiss. Im Zuge der Aufklärung prüfen betroffene Redaktionen auf einmal, was sie sonst nicht prüfen.

Was können Journalistinnen/Journalisten aus diesen und vergleichbaren Fällen lernen? Georg Löwischs Empfehlungen:

Quellen nennen. „Bei bestimmten Informationen möchte ich wenig über die Quelle wissen oder gar nichts, bei anderen dagegen alles. Je spannender desto Quelle. Je intimer desto Quelle. Je folgenschwerer desto Quelle.“

Recherchewege zeigen. „Informationen zum Rechercheweg werden inzwischen gern in Blogs oder Videos angeboten. Das ist eine kluge Ergänzung, aber diese Informationen stehen auch dem Haupttext gut an.“

Georg Löwisch:

Demut heißt, dass guter Journalismus für sich selbst spricht. Demut heißt aber auch, dass er sich erklären muss. Und bitte in aller Bescheidenheit, nicht im Ton einer Heldensaga, bei der man meint, das Wort Quellenangabe stamme von Angeberei ab.

Zitieren. „Im Versprechen, dass wörtlich auch wörtlich bedeutet, dass jemand das genau so gesagt hat, steckt Glaubwürdigkeit.“

Anonymisieren. „Anonymisierung kann sehr gute Gründe haben. Menschen fürchten, dass sie verspottet oder sogar bedroht werden oder dass sie ihre Stelle verlieren, wenn sie sich mit ihrem Namen offen äußern. Immer mehr Protagonistinnen und Protagonisten bedenken mit, dass sie mit dieser einen Äußerung, mit diesem einen Thema ewig im Netz stehen werden.“

Rekonstruieren. „Aber nicht immer sind Reporterinnen und Reporter genau dann vor Ort, wenn so richtig etwas passiert. Deshalb werden Szenen rekonstruiert, aus dem, was Augen- und Ohrenzeugen erzählen, mit Hilfe von Akten, von Videoaufnahmen, Tonbandaufzeichnungen oder Fotos. Das ist legitim, nur muss die Rekonstruktion deutlich gemacht, die Quellen müssen genannt, das Erlebte muss vom Erzählten getrennt werden.“

Und wenn jemand betrügt? Das Problem ist nicht lösbar. Ohne Vertrauen ist der Journalismus nicht zu haben.

Zweifeln. „Jetzt noch einige Fragen, a) Danke für die spannende Reportage. Da wir noch nie miteinander zu tun hatten: Könnten Sie mir bitte die Audiodatei des Rechercheinterviews schicken? b) Können Sie mir bitte die Mails weiterleiten, mit denen Sie diese unglaublich spannende Protagonistin zum Treffen bewogen haben? c) Könnte ich mal bitte das Handyfoto vom Ausweis der anonymisierten Person sehen?“

Quellen:

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Von
Knut Kuckel
Meine Meinung