Lokaljournalismus ist wichtig – „Menschen wollen wissen, was vor der Haustür passiert“
Kein Frühstück ohne das Tagblatt. Die regionale Tageszeitung ist unverzichtbar. Foto: Knut Kuckel
Kein Frühstück ohne das Tagblatt. Die regionale Tageszeitung ist unverzichtbar. Foto: Knut Kuckel

Lokaljournalismus ist wichtig – „Menschen wollen wissen, was vor der Haustür passiert“

Alle waren informiert und auf die Vollsperrung der B2 zwischen Oberau und Eschenlohe vorbereitet. „Bahn frei“ schreibt heute überraschend das Garmisch-Partenkirchner Tagblatt. Erleichterung – weit und breit. Ohne Regionalzeitung hätte mancher den Bereich großräumig umfahren.

Das Garmisch-Partenkirchner Tagblatt ist eine Lokalzeitung des Münchner Merkurs. Das Lokalblatt hat zurzeit eine verkaufte Auflage von rund 14.000 Exemplaren. Darunter sind noch ca. 12.000 Abonnenten.

Die verkaufte Gesamtauflage der bayerischen Regionalzeitung wird zurzeit mit rund 172.000 Exemplaren angegeben. Früher war die konservativ ausgerichtete Tageszeitung erfolgreicher. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beklagt sie ein Minus von 17 Prozent (Statistik von 1998).

Den Mantel teilt sich der Münchner Merkur mit dem Oberbayerischen Volksblatt (dazu gehört u.a. die Chiemgau-Zeitung).  Hoch gerechnet schaffen es beide Verlage gemeinsam noch auf eine Verkaufsauflage von rund 230.000 Exemplaren. Für ganz Bayern. Im – an Fläche größten unserer 16 Bundesländer – ist Bayern mit seinen rund 13 Millionen Einwohnern das zweitstärkste Land in Deutschland.

Vom Zeitungssterben der letzten Jahre waren vor allem zahlreiche Lokalredaktionen betroffen. Der Trend, so Christoph Sterz im Deutschlandfunk, sei bedrohlich für den Lokaljournalismus und für die Demokratie. „Denn wenn die letzte verbliebene Lokalredaktion vor Ort schließen muss, berichtet auch niemand mehr kontinuierlich über die Vorgänge in der Stadt oder im Dorf, im Stadtrat oder in der Gemeinde.“

So ist es schon in längst in den USA. Dort gibt es in vielen Regionen keinen Lokaljournalismus mehr. „Amerikanische Wissenschaftler weisen darauf hin, dass in den Rathäusern weniger effizient gearbeitet wird, wenn niemand mehr verfolgt, was dort vor sich geht“, so Christoph Sterz. Eine Studie aus der Schweiz lege nahe, dass es mit weniger Lokaljournalismus auch weniger Wahlbeteiligung gebe.

Eine Kehrtwende ist nicht in Sicht. Nicht, solange noch mit gedruckten Zeitungen Geld verdient werde, meint Wiebke Möhring. Die Journalistik-Professorin der TU Dortmund beschäftigt sich seit Mitte der 90er-Jahre mit Lokaljournalismus. Sie kennt die Probleme der Zeitungsverlage.

Die Regional- und Lokalzeitungen verkaufen sich immer schlechter: Früher waren es mal im Schnitt 18 Millionen verkaufte Zeitungen pro Tag; heute sind es nur noch elf Millionen – und von Jahr zu Jahr geht es weiter nach unten.

Das bekommen auch die großen Traditionsverlage zu spüren wie die Essener Funke-Mediengruppe. Im früheren WAZ-Konzern erscheinen unter anderem die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, die „Thüringer Allgemeine“, die „Berliner Morgenpost“ oder das „Hamburger Abendblatt“.

Wir werden uns in Deutschland – so die Mehrheitsmeinung der Verleger – auf amerikanische Verhältnisse einstellen müssen. Der wirtschaftliche Druck werde immer stärker. Da könne es schon mal so sein, dass es demnächst auch bei uns weiße Flecken geben wird.

Mit Blick auf den Lokaljournalismus, sehen wir schweren Zeiten entgegen. Das klingt einigermaßen unglaublich, vor dem Hintergrund, dass das Interesse am Lokaljournalismus bundesweit nach wie vor hoch ist. Die Menschen wollen wissen, was vor ihrer Haustür passiert. Sie seien zunehmend bereit, so ist aus Verlegerkreisen zu hören, für digitalen Lokaljournalismus auch zu bezahlen.

„Es sind vor allem die lokalen, gut recherchierten Inhalte, für die bezahlt wird. Also wirklich Kommentare, Hintergründe, Reportagen, kritische Berichte, Servicestücke“, sagte dazu Thomas Kloß, Verlagsgeschäftsführer der Funke-Mediengruppe, im Deutschlandfunk. Bezahlt werde nur für hochwertige Inhalte, nicht für „Katzenkontent“, so Kloß.

Ein Umdenken sei durchaus wahrnehmbar, kommentiert die Dortmunder Journalistik-Professorin Wiebke Möhring. Wichtig sei dieses Umdenken auch beim Kontakt zwischen Lesern und Redaktion. „Weil sich Userinnen und User persönlich wiederfinden und ernstgenommen werden wollen.“

Verlage, die in die Ausbildung investieren, sind  gut aufgestellt. Mehr denn je. Volontäre wollen heute Print und online lernen. Neue Ideen sind gefragt, werden aber auch schon umgesetzt. Es kommt Bewegung in den Lokaljournalismus.

Volontäre haben Projektideen. Die werden beim Münchner Merkur und der tz einmal jährlich über eine Sonderbeilage publiziert. Im vergangenen Jahr ging es um das Projekt „Kontraste„. Um Geschichten aus dem lokalen Umfeld, die berühren.

Nicht nur zwischenmenschlich waren das Begegnungen, von denen alle in ihrem jeweiligen lokalen Umfeld beeindruckt waren. In ihrem Editorial schreiben sie:

„Wir besuchen Schwestern, die früher mit ihrem Zwillings-Dasein kämpften, heute aber stolz darauf sind. Wir treffen eine junge Bestatterin, deren Leben durch ihren Beruf stark vom Tod geprägt ist. Wir unterhalten uns mit einer Musikstudentin, die Konzertpianistin werden möchte – und dafür ihr Lampenfieber überwindet. Wir begleiten einen Münchner, der sich mit einer Maske in einen anderen Menschen verwandelt. Helle Sterne am dunklen Himmel zeigt uns ein Fotograf und Hobby-Astronom durch sein Teleskop. In der Tierwelt haben Kontraste einen überlebenswichtigen Nutzen, wie das Bergzebra Juma erklärt. Eine Fotografin dagegen spielt mit dem Gegensatz von Schwarz und Weiß. Ein Bearbeitungsprogramm entzieht ihren Bildern die Farben, um ihnen mehr Ausdruck zu verleihen.“

Dieses und vergleichbare Projekte machen den qualitativ wertvollen Lokaljournalismus unverzichtbar. Journalisten kritisieren und werden kritisiert, sie mischen sich ein und machen gesellschaftliches Leben begreifbar. Lokaljournalismus gilt dabei als Anker eines anhaltenden Informationsinteresses im globalisierten Alltag.

Lesenswert ist in diesem Kontext das „Dossier Lokaljournalismus“ der Bundeszentrale für politische Bildung. Es beleuchtet die Rolle des Lokaljournalismus in unserer Gesellschaft, und die Aufgaben, vor denen Lokalmedien heute stehen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in Halle, empfiehlt sich die Lektüre eines Beitrags von Paul-Josef Raue: Respekt und Nähe, Einblick: Zwischen den Zeilen – Lokaljournalismus und Ethik.

Raue war Chefredakteur mehrerer Tageszeitungen, zuletzt bis August 2015 bei der Thüringer Allgemeinen. Gemeinsam mit Wolf Schneider veröffentlichte er „Das neue Handbuch des Journalismus“.

Als Paul-Josef Raue im März dieses Jahres verstarb, verlor der Lokaljournalismus einen seiner großen Kreativen.

...danke für's WeitersagenFacebookTwitterPinterestWhatsAppEmail
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