Netz der Systeme – “Kauderwelsch aus dem Elfenbeinturm”
Die Digitalisierung verändert Politik, Gesellschaft und Journalismus. Foto: Knut Kuckel
Die Digitalisierung verändert Politik, Gesellschaft und Journalismus. Foto: Knut Kuckel

Netz der Systeme – “Kauderwelsch aus dem Elfenbeinturm”

Wer ist Journalist, was ist Journalismus? Fragen, die sich die Mehrheit unserer Gesellschaft gar nicht mehr stellen mag. Wenn doch, findet sie dazu eigene Antworten. Wer sich im Digitalzeitalter noch halbwegs traditionell informiert, googelt den Begriff „Journalismus“.

Und wird fündig.

„Journalismus bezeichnet die periodische publizistische Arbeit von Journalisten bei der Presse, in Online-Medien oder im Rundfunk mit dem Ziel, Öffentlichkeit herzustellen und die Öffentlichkeit mit gesellschaftlich relevanten Informationen zu versorgen.“

So erklärt Wikipedia „Journalismus“.

Stimmt das noch? Gestatten sie mir in diesem Zusammenhang ein paar Gedankenspiele.

„Die Digitalisierung verändert Politik, Gesellschaft und Journalismus. Zeitungsleser werden Blogger“, habe ich in einem Beitrag über das Bloggen geschrieben. Weil unsere Gesellschaft dazu neigt, für alle und alles Schubladen zu bemühen, werden Blogger gerne auch mit Journalisten verglichen.

Ist das falsch oder richtig?

Mühsam, darüber nachzudenken. Es gibt ebenso wenig „die” Journalisten wie „die” Blogger. So ist das auch mit „den” Medien. Medien verbreiten Informationen, darüber hinaus aber auch alle Formen von Unterhaltung.

Sie erlauben mir den Hinweis, dass auch diese Beschreibung nur eine Verkürzung ist.

„Bloggen? Auf die Plätze fertig los…“ – Kreatives Schreiben ist im Trend

Für die Medien arbeiten “die” Journalisten. In erster Linie. Aber auch viele Berufsgruppen, die ihnen über die unterschiedlichsten Medien zuarbeiten.

Politik-Talkmaster, Sportkommentator, Investigativ-Reporter. Jeder arbeitet anders und versteht sich doch als Journalist bzw. Journalistin. Unverändert sind nach wie vor die Aufgaben.

Journalisten recherchieren, redigieren, formulieren, kommentieren, dokumentieren, präsentieren und organisieren. Es gibt sicherlich Blogger, die in gleicher Weise arbeiten. Es gibt auch Blogger, die hauptberuflich Journalisten sind.

Unter den Journalisten gibt es wiederum Experten. Es gibt Nachrichtenjournalisten, Kultur-, Radio-, Fernseh-, Zeitungs-, Sport und/oder Magazinjournalisten.

Wer Wissenschaft und Forschung in eine verständliche Sprache übersetzt, arbeitet als Wissenschaftsjournalist und wer einem Bild mehr als nur ein oder zwei Sätze hinzufügt, trägt die Berufsbezeichnung Bildjournalist (Nicht zu verwechseln mit den Zulieferern einer großen Boulevardzeitung). Sehr vereinfacht. Korrekterweise ist bei der oberflächlichen Kurzbeschreibung eine Aktualisierung erforderlich.

“Bildjournalisten liefern visuelle Nachrichten”, schreibt Rolf Sachsse in seinem lesenswerten Buch “Bildjournalismus heute” (List/Journalistische Praxis). Wer diesen Beruf ausübt, so Sachsse, sollte über Kenntnisse der Fotografie verfügen. Also etwas vom “Bildermachen, Bildersortieren und Bilderzeigen” verstehen.

Für wen arbeite ich denn eigentlich? Die jeweiligen Medien bestimmen letztlich mein Publikum, meine Zielgruppe.

Es ist ein großer Unterschied, ob Journalisten den Boulevard bedienen oder ein Informationsformat. Auch innerhalb solcher Genres gibt es bekanntlich große Qualitätsunterschiede. Ersparen Sie mir freundlicherweise, dies am Beispiel zu erklären.

„Bloggen“ ist eine Stilform des Schreibens geworden. Das stimmt und es stimmt wieder nicht. „Blog“ ist die Abkürzung von „Weblog“ und damit im ursprünglichen Verständnis ein digitales Tagebuch. Allerdings gibt es im Bereich der Blogs inzwischen auch unterschiedliche Präsentationsformen.

Das kreative, nicht selten auch konstruktive Schreiben ist die Urform des Bloggens. Heute gibt es auch die „Vlogs“, die Video-Blogs und/oder den Audio-Podcast Weblogger sind heute in vielen digitalen Medienformen aktiv.

Die Szene und damit ihr Publikum ändern sich fast täglich. Was heute noch in ist, kann ein paar Tage später mega-out sein.

Gute Weblogs sind so vielseitig wie gute Medien. Was „guter Journalismus“ ist und/oder gute Blogs, entscheidet das jeweilige Publikum. Keine Kommunikationsexperten und schon gar keine Kommunikationswissenschaftler. Die sind oft mit ihren Bewertungen und/oder Einschätzungen zum Thema überfordert.

In einem Vorwort für das Buch “Medien und Journalismus 2” (Hrsg. Otfried Jarren) schreiben Stephan Ruß-Mohl und Gerhard Vowe “Wenn Journalisten es mit Publizistikwissenschaft und Kommunikationsforschung zu tun bekommen, rümpfen sie noch immer gern die Nase: Praxisfern unbrauchbar, nicht relevant für die tägliche Redaktionsarbeit sei dass, was die Wissenschaft zu bieten habe. Und total unverständlich sei der Kauderwelsch der Leute aus dem Elfenbeinturm obendrein…”

Die Wissenschaft wehrt sich. Man fühlt sich im Elfenbeinturm der Publizistikwissenschaft und Kommunikationsforschung schon lange nicht mehr ernst genommen. Alles hat miteinander zu tun. Eine medienkritische Öffentlichkeit braucht anscheinend keinen Qualitätsjournalismus mehr und wer öffentlich als Journalist wahrgenommen wird, lebt gefährlich.

Das spüren auch Comediens, die mit ihnen verwechselt werden, wie beim jüngsten Angriff auf ein Team der ZDF-Satiresendung „heute show“ in Berlin.

Bis zu 25 maskierte Menschen seien beteiligt gewesen und hätten in Kleingruppen auf das Team eingetreten und eingeschlagen, zum Teil auch mit Metallstangen. „Das war ein wirklich feiger Angriff“, bewertete Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik die Attacke in den Medien.

Marlis Prinzing kommentierte in der Frankfurter Rundschau: “Auch Journalistinnen und Journalisten haben in der Corona-Krise nicht immer alles richtig gemacht. Sie sollten daraus lernen.”

Ihr Auftrag zu informieren, zu kritisieren, Fakten zu prüfen, Mächtige zu kontrollieren, die Debatte zu organisieren, öffentlich relevante Themen zu publizieren, sei im Kern nicht verhandelbar.

Bei dem Vorfall in Berlin sind Satiriker mit Journalisten verwechselt worden. Heutzutage wird offensichtlich jeder, der mit einem Mikrofon öffentlichen Raum betritt, Journalisten gleich gesetzt. Darüber wird sich die Mediendebatte beschäftigen müssen.

Die Berliner Attacke auf das Heute-Show-Team bleibt – unabhängig von der individuellen Sichtweise – verabscheuenswert.

...danke für's WeitersagenFacebookTwitterPinterestWhatsAppEmail
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